
Loslassen
Die Chance für ein neues Leben
Im Hinschauen auf das, was in diesem Augenblick gerade geschieht, haben Sie einen wichtigen Schritt getan. Aber manchmal verschlägt einem das, was zu sehen ist, den Atem. Die Erstarrung ist noch nicht gelöst. Muss die Anspannung wie ein kranker Zahn herausgezogen werden, was normalerweise ein mühevoller Prozess ist und viel Kraft erfordert? Ist die Erstarrung des Systems eine Blockade, die mit Gewalt aufgebrochen werden muss?
Je stärker die Blockade sich körperlich verfestigt hat, desto mehr Aktivität ist notwendig, um die Sache wieder in Fluss zu bringen. Eine akute Erkrankung kann durch die richtige Therapie bereits in wenigen Stunden zum Verschwinden gebracht werden. Je länger aber eine chronische Erkrankung besteht, desto mehr hat sich das Muster verfestigt. Mehr Zeit und Geduld wird dann für die Heilung gebraucht.
Manchmal ist tatsächlich ein starker Impuls notwendig, um wieder Bewegung in das System zu bringen. Hier ist aber viel Erfahrung notwendig, da die Folgen einer radikalen Maßnahme abgeschätzt werden müssen. Auch auf der seelischen Ebene gibt es manchmal Situationen, in denen eine grundlegende Veränderung der Ausrichtung gebraucht wird. Grundsätzlich ist es aber nicht der Kampf, der zu einer inneren Veränderung führt, sondern das Loslassen. Das Ergebnis eines Kampfes ist, dass es einen Sieger und einen Verlierer gibt. Das Ergebnis des Loslassens ist, dass es zu neuer Freiheit und Leichtigkeit führt. Das Alte wird nicht negiert, sondern als Teil des Weges begriffen.
Krampfhaftes Verdrängen ist nichts anderes als eine Form des intensiven Festhaltens. Loslassen ist wie ein Umzug. Ein freiwilliger Umzug ist in der Regel ein freudiges Ereignis. Das neue Heim erwartet uns, alles ist frisch gestrichen. Unsere Phantasie ist beflügelt mit der Frage, wie wir uns einrichten werden. Es ist ein Aufbruch aus alten Gewohnheiten; denn nach dem Umzug wird sich ein wesentlicher Teil der Lebenssituation verändert haben.
Wenn wir aber gerade eine Kiste packen, die einzelnen Stücke des Hausrats anschauen und uns fragen, ob wir das noch brauchen oder nicht, dann kommen Erinnerungen an frühere Ereignisse in der alten Wohnung hoch. Fast wehmütig können wir uns fühlen und spüren, dass etwas Altes unwiderruflich zu Ende geht. Denken wir aber erwartungsvoll an die neue Situation, hellt sich die Stimmung sogleich wieder auf. Ebenso ist es mit dem Loslassen. Es hat beide Seiten, die freudige und die traurige. Aber im Kern überwiegt eben die Qualität des Neuanfangs. Und genau diese Kraft sollten und können wir nutzen, um uns von Altem zu lösen.
Loslassen wird dann zu einem leichten natürlichen Prozess, wenn wir vom Neuen eine Vision entwickelt haben. Der Abschied wird oft gar nicht mehr als ein Abschied empfunden, weil kein Mangelgefühl entsteht. Der neue Nichtraucher wird dann frei, wenn er nicht mehr bei jedem Anlass an die „gemütliche Atmosphäre“ zurückdenkt, die entstand, wenn er mit Freunden zusammen war und rauchte. Eine weiter bestehende Sehnsucht zeigt immer, dass der Prozess des Loslassens noch nicht vollständig vollzogen worden ist. Schauen wir uns den Prozess des Loslassens noch einmal etwas genauer an! Was geschieht dabei eigentlich?
Loslassen und Festhalten sind Ausdruck von Identifikation. Wir halten an dem fest, was wir als zu uns gehörig empfinden, mit dem wir uns identifizieren können, bei dem wir das Gefühl haben, dass es für uns nützlich und hilfreich ist. Nehmen wir einmal an, wir haben mit einer bestimmten Art und Weise, wie wir uns anderen Menschen gegenüber verhalten, Erfolg. In diesem Fall werden wir uns regelmäßig so verhalten und dieses Verhalten sogar als einen Teil unserer Persönlichkeit ansehen. Nun treffen wir einen Menschen, der uns wichtig ist, den wir in seinem Urteil ernst nehmen, und machen die Erfahrung, dass wir mit unserem bisherigen Verhalten überhaupt nicht vorankommen. Wir spüren, diesem Menschen ist unser Stil unangenehm.
Jetzt entscheidet es sich: Sind wir mit unserem bisherigen Verhalten so identifiziert, dass wir uns davon nicht lösen können, werden wir alle möglichen Argumente finden, nichts zu ändern. Wir werden in unseren Gedanken die Person diskreditieren. Wir werden ihre Meinung als augenblickliche Äußerung abmildern oder als Marotte abtun usw.
Gelingt es uns aber, die neue Sichtweise in uns aufzunehmen, werden wir eine ganz neue Seite an uns kennen lernen. Wir werden vielleicht sogar über uns selbst erstaunt sein, und wir werden spüren, dass die alte Verhaltensweise nicht unserem ganzen Wesen entsprochen hatte. Es kann sein, dass wir erkennen, dass das bisherige Sosein nur eine Form der Anpassung gewesen war, die wir über viele Jahre eingeübt hatten, die unserem eigenen Wesen aber gar nicht entspricht. Damit ist die Identifikation endgültig gebrochen.
Auch das kann schmerzhaft sein, weil wir erkennen müssen, vorher unser Inneres verraten zu haben. Aber das ist kein neuer Schmerz, sondern nur das Hervortreten von früherer innerlich aufgebauter Spannung. Das Loslassen selbst tut nicht weh. Es ist nur eine Veränderung der Wahrnehmung, die zwangsläufig zu einer neuen Perspektive führt. Der etwaige Schmerz während des Loslassens entsteht durch das Festhalten. Wenn wir die sanfte Flexibilität zulassen, die dem Lebensstrom eigen ist, dann geschieht der Prozess ganz natürlich. Wir betreten einen neuen Raum. Es braucht Zeit, bis wir uns dort zurecht finden, bis wir in dieser neuen Lebensperspektive heimisch werden. Aber diese Zeit ist ein faszinierender Entdeckungsprozess. Das Leben hat so viel Neues, bisher noch nicht Gesehenes zu bieten. Wir müssen uns nur darauf einlassen. Je stärker die Kraft des Neuen ist, desto leichter fällt es uns.
Aus einer gewissen zeitlichen Distanz entsteht eine Wertschätzung für das alte Verhalten, da es die Vorstufe der jetzigen Erkenntnis war, uns also dorthin geführt hat, wo wir heute stehen. Diese Integration stellt eine Versöhnung der gegensätzlichen Pole dar und führt zu innerer Stärke und Ausgewogenheit.
Loslassen bewertet nicht, sondern ist das Ergebnis von vertiefter Wahrnehmung. Loslassen ist der Sprung in den Fluss des Lebens. Zum Zeitpunkt des Springens ist kein fester Boden unter den Füssen. Es ist ein Wagnis, man weiß noch nicht genau, wo die Landung sein wird. Daher ziehen es viele Menschen vor, nicht zu springen, und bleiben in der Starre. Aber auch diese Entscheidung hat ihren Sinn. Die feste Grundlage wird noch gebraucht. Das Springen würde zu viel Angst erzeugen. Wer erkennt, dass ihn der Fluss jederzeit sanft auffängt und zu neuen Ufern trägt, dem fällt das Springen leicht. Er denkt gar nicht mehr an das alte Ufer und genießt nicht nur den Sprung selbst, sondern auch das Schwimmen im Lebensfluss.
Loslassen ist ein Prozess, der Gefühl und Erkenntnis beinhaltet. Beide beeinflussen sich gegenseitig. Wenn sich das Gefühl noch mit dem Alten identifiziert, fällt es der Erkenntnis schwer, durchzudringen. Wenn die Erkenntnis, d.h. die vertiefte Wahrnehmung noch nicht richtig klar ist, will das Gefühl zwar vorangehen, weiß aber nicht genau wohin und zögert. Umgekehrt werfen natürlich beide Aspekte ihre Leinen aus, um den anderen mitzuziehen.
Verlustängste sind wahrscheinlich die größten Hindernisse für das Loslassen. Wir klammern uns an unseren schlechten Zustand, weil die Veränderung bedeuten könnte, dass es noch schlechter wird. Wir halten fest, weil wir meinen, nichts Besseres verdient zu haben. Wir bleiben wie angewurzelt stehen, weil wir wenigstens etwas haben, nämlich unseren jetzigen Standort. Wir verkrampfen uns, weil wir die Veränderung als bedrohlich empfinden.
Das ist eigentlich paradox; denn wir schädigen uns damit selbst. Innere Spannung ist eine blockierte Energie, die sich gegen uns selbst richtet. Spannung ist eine Realität, die entweder nach außen ausagiert und damit gelöst werden kann oder im Inneren bleibt, wo sie durch Loslassen befreit wird oder als Dauerspannung belastet. Wer andere nicht verletzen will, scheut sich, Spannungen nach außen zu zeigen. Er wird zu einem Menschen, der es anderen recht machen will, aber dabei die eigene Spannung vergisst.
Hinter der Aggression steckt Lebensenergie
Für viele Menschen ist es ein wichtiger Lernprozess, Spannungen authentisch zeigen zu können, ohne in die Aggression abzugleiten. Die Aggression ist die gezeigte Spannung, der das Loslassen fehlt; denn im spannungsvollen Festhalten entsteht ein Druck, der explosive Kraft in sich trägt. Die Entladung des Drucks sucht sich eine Richtung, und oft ist es die erstbeste Person, die mit dem Ganzen gar nichts zu tun hat, die von der Spannungsentladung getroffen wird.
Dies zeigt, dass es in erster Linie um den Spannungsabbau geht. Hinter der Aggression steht eine sich befreien wollende Lebenskraft, die wir bei genauerem Hinschauen entdecken können. Der kreative Zorn, mit dem wir sagen: „Das schaffe ich jetzt! Was der kann, kann ich auch! usw.“, weist auf dieses Potential hin. Wenn wir diese Kraft nicht nutzen, wendet sie sich irgendwann gegen uns selbst und führt zur Dauerblockade.
Jeder, der solche Spannungen in sich trägt, kann sich bewusst machen, dass er sich vor der Energie, die in diesen Spannungen gebunden ist, nicht fürchten muss. Diese Energie ist ein Teil seiner Lebenskraft, die er in schöpferisches Tun umsetzen kann. Wenn wir uns manchmal fragen, warum wir manche Dinge, die gut für uns sind, gerade nicht tun, dann ist die Ursache immer in einer Selbstblockade zu suchen. Wir können es uns aber erlauben, frei zu werden. Nichts spricht dagegen außer den selbst errichteten Blockaden.