
Gewohnheiten
Denken Sie einmal daran, wie es klingt, wenn eine Schallplatte durch einen Kratzer in einer Rille hängen bleibt. In der Regel klingt es nicht sehr schön; und der sich wiederholende Ausschnitt ist so klein, dass wir nicht einmal die Melodie erkennen. Ebenso geht die Lebensmelodie verloren, wenn wir in Gewohnheiten befangen sind.
Gewohnheiten haben ebenso wie unsere Grundeinstellungen eine starke und eine schwache Seite. Wir brauchen Gewohnheiten, weil Sie das Leben erleichtern und lebbar machen. Bei allen Arbeitsabläufen wie z.B. dem Autofahren gibt die Routine Sicherheit. Andererseits schleichen sich schneller, als wir denken, Gewohnheiten ein, die uns blockieren oder sogar schädigen. Eine gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und Entspannung können wir nur praktizieren, wenn sie zu neuen Gewohnheiten werden und wir alte Gewohnheiten ablegen.
Berühmt geworden ist das Experiment von Pawlow über die bedingten Reflexe: Jedes Mal, wenn einem Hund Futter gegeben wird, läutet eine Glocke. Führt man dies einige Zeit durch und läutet dann nur die Glocke, beginnt der Speichelfluss, obwohl kein Futter da ist. Dies zeigt beeindruckend, dass Gewohnheiten nicht nur psychische Wirklichkeiten sind. Über komplexe Vorgänge innerhalb des Nervensystems und entsprechende Steuerungsprozesse werden Gewohnheiten zu einem Teil der Physiologie.
Wenn wir dies verstehen, wird klar, dass wir neue Gewohnheiten niemals dadurch etablieren können, dass wir sie krampfhaft und mit Druck umsetzen; denn dadurch erhöhen wir nur die Spannung im System und der Kampf beginnt: In diese Kampfarena steigen die alten Gewohnheiten und die neue Gewohnheit. Einer verliert immer und das sind wir, die wir uns in diesem Kampf aufreiben!
Es gibt Situationen im Leben, wo eine Entscheidung von innen gewachsen ist und wir tatsächlich in der Lage sind, von heute auf morgen eine Gewohnheit vollständig umzustellen. Beim Rauchen z.B. kann das sehr gut funktionieren. In der Regel fällt es aber viel leichter, wenn wir schrittweise vorgehen. Bei der Ernährung ist es auch für den Körper nicht gut, wenn die Umstellung zu radikal ist; denn dadurch kann das Gleichgewicht im Stoffwechsel gestört werden.
Praktische Hinweise
Es ist gut, wenn das Ziel nicht zu hoch gesteckt ist. Beginnen wir einfach an einem kleinen Punkt, den wir ändern möchten. Selbst da können sich Widerstände aufbauen; denn die alten Gewohnheiten schlafen nicht. Wichtig ist, dass wir in den Prozess einsteigen, dass wir wieder in den Fluss der Veränderung eintauchen. Die neue Gewohnheit ist keine starre Regel, die wir immer einhalten müssen. Das einzige Ergebnis von starren Regeln ist, dass wir sie irgendwann doch brechen und dann ein schlechtes Gewissen haben. In diesen Teufelskreis sollten wir uns nicht immer wieder neu hineinbegeben.
Die Natur zeigt uns, dass das Leben im Variantenreichtum existiert. Es gibt in vielen Bereichen keine starren Grenzen, sondern fließende Übergänge. Genau so sollte die Etablierung einer neuen Gewohnheit fließend erfolgen. Viele Menschen nehmen zu wenig Flüssigkeit zu sich. Erfahrungsgemäß braucht das Trink-Training zwei bis drei Monate Zeit. Verteilen wir die Veränderung auf einen gewissen Zeitraum, stehen wir nicht vor einem Berg, den wir doch nicht erklimmen können. Interessanterweise entwickelt sich nach einer bestimmten Trainingszeit wieder das natürliche Durstgefühl. Wenn also eine neue Gewohnheit den Bedürfnissen unseres Körpers entspricht, werden wir von der Körperintelligenz wirkungsvoll unterstützt.
Wichtig ist, dass wir in allen Bereichen immer wieder fragen, was wirklich gut für uns ist. „Ist das stimmig?“ „Fühle ich mich damit wohl?“ „Ist das so in Ordnung?“ Fragen und Nachfühlen hilft uns, den Fluss wieder in Gang zu bringen.